Notker, Arzt der Klostermedizin, † 12.11.975

Notker, Arzt der Klostermedizin, † 12.11.9752019-03-18T13:16:07+02:00

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Notker, Arzt der Klostermedizin

Notker der Arzt († 12. November 975) ist der Arzt der Klostermedi- zin im Frühmittelalter, über den wir (dank den Casus sancti GalliEkkeharts IV.) bei weitem am meisten wissen.102 Der Begriff Klos- termedizin Begriff wird gelegentlich abschätzig gebraucht, da es im Frühmittelalter – vor der Gründung der Medizinschule in Sa- lerno und damit dem Beginn der universitären Medizinausbil- dung – kaum zu innovativen Entwicklungen in der Medizin kam. Dabei wird allerdings der wichtige Beitrag zur Pflegekultur ver- kannt (vgl. S. 60–71). Ausserdem tradierten die Klöster das ältere (antike und spätantike) Wissen über Medizin und spielten über- haupt eine zentrale Rolle in der medizinischen Versorgung.
Selbst komplizierte chirurgische Eingriffe wurden zur Zeit Notkers durchgeführt. So berichtet Ekkehart IV. im 85. Kapitel sei- ner Casus sancti Galli über die Kaiserschnittgeburt des späteren St.Galler Abtes Purchart († 975), dessen Mutter vierzehn Tage vor dem errechneten Geburtstermin starb. Das Kind wurde herausge- schnitten und in Schweineschmer gebettet. So konnte es überleben.
Notkers Geburtsjahr ist nicht bekannt, wohl aber sein Todes- tag, der 12. November 975. Er geht aus dem Kapiteloffiziumsbuch (Cod. Sang. 915) hervor. Zudem gibt es im Stiftsarchiv zwei urkund- liche Zeugnisse von 956/957 und 965, in denen er als cellerarius undhospitarius erscheint.
Praktisch alle übrigen Informationen über Notker kommen aus Ekkeharts Casus sancti Galli (Cod. Sang. 615). In Kapitel 123, das gänzlich Notker gewidmet ist, charakterisiert Ekkehart diesen als Gelehrten, Maler und Arzt. Er schreibt ihm die Ausmalung der Holzdecke der Kirche nach dem katastrophalen Klosterbrand des Jahres 937 sowie Buchmalereien zu. Noch grösser seien jedoch Notkers Leistungen auf den anderen Gebieten gewesen: «[…] was sind diese Werte gegenüber den tausend anderen, die er im Dich- ten und Heilen aufleuchten liess?» Über Notkers ärztliche Kunst äussert Ekkehart sich begeistert, «war er doch sowohl in den medi- zinischen Lehrsätzen als auch in den Arzneien und Gegengiften sowie in den Hippokratischen Diagnosen ganz ungewöhnlich beschlagen.»103 Aus mehreren anderen Kapiteln geht hervor, dass Notker auch als Arzt am Hof Ottos des Grossen (912–973) wirkte.
Zur Unterscheidung von anderen gleichnamigen Mönchen des Klosters trug Notker den Beinamen Piperis granum – «Pfeffer- korn», gemäss Ekkehart wegen seiner strengen Disziplin.104 Aber möglicherweise erinnert der Beiname auch an die Medizin, die Notker verabreichte und die wohl auch einmal Pfeffer enthalten haben mag.
Quelle: Duft, Kult (Anm. 78), S. 11–12.

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